1 Juni, 2007 - 15:35
Gemeinsam mit den Umweltverbänden BUND, Greenpeace und WWF startete die BILD-Zeitung die Kampagne "Rettet unsere Erde. Ich mache mit!". Anlässlich dieser "ungewöhnlichen Kooperation" sprach Reinhard Bütikofer, Bundesvorsitzender der Grünen für gruenes-klima.de mit BILD-Chefredakteur Kai Diekmann über eine Bürgerbewegung für den Klimaschutz, über Kohlekraftwerke und Atomkraft.
Reinhard Bütikofer: Herr Diekmann, das Klimabündnis, das die BILD-Zeitung mit Greenpeace, BUND und WWF vor einigen Wochen gestartet hat, überraschte viele in der Ökoszene. Ich fand es eine spannende Initiative. Wer hatte denn eigentlich die Idee?
Kai Diekmann: Wir sind auf die Umweltverbände zugegangen, weil wir der Meinung sind, dass große Herausforderungen auch manchmal ungewöhnliche Kooperationen brauchen. So haben wir das in der Vergangenheit bei anderen Kooperationen auch schon gehandhabt. Durch unser neues Bündnis mit den Umweltverbänden wollen wir dazu beitragen, das Bewusstsein zu verändern und zu schärfen. Denn der Klimawandel ist einfach ein Megathema, das die Menschen interessiert. BILD erreicht jeden Tag mehr als zwölf Millionen Leser und deshalb kommen wir an diesem wichtigen Thema nicht vorbei.
R. Bütikofer: Ist Ihre Initiative mehr als einfach nur eine geschickte Verkaufe angesichts dessen, dass das Thema im Moment en vogue ist? Steckt eine bestimmte Wertorientierung dahinter?
K. Diekmann: Ich habe selbstverständlich überhaupt kein Problem damit, mit gutem Journalismus auch gutes Geld zu verdienen. Denn auch der Journalismus, der viele Menschen erreicht, funktioniert nur, wenn er wirtschaftlich erfolgreich ist.
Ich glaube aber in der Tat, dass Umwelt- und Klimaschutz eine Wertefrage ist. Es gibt einen schönen altmodischen Begriff dafür: Bewahrung der Schöpfung. Das geht einfach uns alle an und nicht nur eine bestimmte Gruppe, etwa die Wählerklientel der Grünen. Dieses Thema ist für Millionen Menschen immer wichtiger geworden und ist deshalb auch nachhaltig. Davon bin ich fest überzeugt.
R. Bütikofer: Neben Bewusstseinsveränderung thematisieren sie ja auch Verhaltensveränderungen. BILD am Sonntag hat seine Leser aufgerufen, Energiesparlampen zu nutzen und hat Hybridfahrzeuge von Toyota unter die Menschen gebracht. Sie werben gemeinsam mit der Firma Lichtblick für einen Umstieg auf Ökostrom. Kommt demnächst von BILD das 3- oder das 1-Liter-Auto?
K. Diekmann: Ich glaube, das ist nicht unsere Kompetenz. Aber wenn sich die Industrie durch unsere Aktionen zu neuen Entwicklungen im Bereich energiesparende Motoren angespornt fühlt, ist das eine gute Sache. Und natürlich ist es richtig, dass BILD einer guten Sache viel Platz einräumt. Sowohl im Hinblick auf eine Bewusstseinsschärfung dank kontinuierlicher Berichterstattung – zum Beispiel über die Ergebnisse des UN-Klimareportes. Aber eben auch mit der Darstellung eines konkreten Nutzens, mit Handlungsanleitungen: Was kann ich persönlich machen, um meinen Teil dazu beizutragen? Das ist, glaube ich, für die Leser von BILD immer ganz besonders wichtig.
R. Bütikofer: In der aktuellen klimapolitischen Auseinandersetzung geht es auch um eine ganze Reihe struktureller Fragen, um wirtschaftliche Rahmenbedingungen und die politischen Weichenstellungen, nicht nur um individuelles Verhalten. Früher hat die BILD-Zeitung ganz gerne mit Kampagnen agiert, wenn es um ökologische Weichenstellungen ging. Ich erinnere mich an mehrere “Wutkampagnen” gegen die Ökosteuer. Geht es jetzt anders herum? Macht BILD jetzt Kampagne gegen die mehr als 40 Kohlekraftwerke, die in Deutschland geplant werden, obwohl jeder sich an drei Finger abzählen kann, dass damit die Klimaziele unerreichbar würden? Wird die BILD-Zeitung auch in solche Themen einsteigen? Oder bleiben Sie auf der Ebene des Handelns im Privatbereich?
K. Diekmann: Nein, überhaupt nicht. Wobei gut gemeint am Ende nicht immer auch gut sein muss. Die Ökosteuer ist für mich so ein Beispiel. Die Ökosteuer hat mit Öko überhaupt nichts zu tun, aber mit Abkassieren sehr viel – und vor allem mit leeren Rentenkassen. Das war ein Thema, bei dem wir und ganz bewusst und entschieden dagegen aufgestellt haben. Überhaupt sind wir der Meinung, dass alles, was mit Zwang zu tun, der falsche Weg ist. Es ist ein Riesenunterschied, ob ich mein Auto stehen lassen muss, weil die Benzinpreise so hoch sind, oder ob jemand freiwillig sein Auto stehen lässt, weil er meint, es auf dem Weg zur Mülltonne nicht unbedingt zu brauchen. Unser Prinzip ist immer die Freiwilligkeit, der Appell an die Vernunft.
Aber es geht auch um strukturelle Dinge. Ich finde aber nicht, dass man Umwelt und Wirtschaft gegeneinander ausspielen sollte. Statt dessen müssen wir uns immer beide Fragen stellen: Was nutzt der Wirtschaft? und: Was hilft der Umwelt? Beispielsweise bei der Entwicklung bestimmter Umwelttechnologien sind wir ja in Deutschland ganz, ganz weit vorne. Und da bin ich durchaus der ...
R. Bütikofer: Nicht zuletzt dank Grüner Politik, würden Sie wahrscheinlich jetzt gerne hinzufügen...
K. Diekmann: Auch das würde ich sagen. Selbstverständlich haben Sie oder haben die Grünen sehr, sehr früh ein Thema besetzt, das damals von anderen Parteien in gewisser Weise vernachlässigt worden ist.
R. Bütikofer: Ich möchte noch einmal nachhaken bei der Frage der Rahmensetzungen.
K. Diekmann: Weil Sie gerade die Kohlekraftwerke angesprochen haben. Ich bin zum Beispiel im Unterschied zu den Grünen der Meinung, dass wir die ehrgeizigen Klimaziele auf Dauer nicht erreichen werden, wenn wir das Thema Kernkraft völlig aussparen. Und ich halte den Ausstieg aus der Kernkraft, so wie er von der rot-grünen Koalition von einigen Jahren beschlossen worden ist, für einen Irrweg.
R. Bütikofer: Also da haben wir offenbar noch die alten Fronten. Aber ich will auf die Frage nach den Rahmenbedingungen insistieren, weil Sie die Freiwilligkeit so hochleben lassen. Es geht doch nicht alles immer freiwillig. Steuern werden nicht freiwillig erhoben, und staatsbürgerliche Pflichten hat man nicht nur freiwillig und nicht nur, wenn man es einsieht.
Wenn es darum geht, dass der Planet gerettet werden muss, wollen Sie dann tatsächlich die Position festhalten, es darf nur getan werden, was die Leute freiwillig einsehen? Oder ist es nicht auch zum Beispiel sinnvoll, Rahmenbedingungen so zu setzen, dass ein ökologisch sinnvolleres Verhalten sich auch rechnet? Dazu hat zum Beispiel die Ökosteuer beigetragen.
K. Diekmann: Zunächst einmal glaube ich, dass Umweltschutz tatsächlich ganz unten anfängt, nämlich bei der Bewusstseinsveränderung: dass man den Leuten klarmacht, hier passiert etwas ...
R. Bütikofer: Einverstanden. Das ist seit 25 Jahren unsere Predigt.
K. Diekmann: Nun ist die Formulierung “Rettung der Erde” zwar durchaus pathetisch, bleibt aber auch im Ungefähren. Deshalb ist es wichtig, dass es beim Einzelnen anfängt. Ich glaube auch, dass sich die Prioritäten von Menschen ändern. Ich glaube, dass auf der Bedürfnisliste vor 20 oder vor 30 Jahren “Freie Fahrt für freie Bürger” ganz weit oben stand. Heute wäre aber ein Aufkleber mit den Worten “Mein Auto fährt auch ohne Wald” nicht mehr durchsetzbar. – Gleichwohl bin ich beispielsweise ein Gegner eines staatlich oktroyierten Tempolimits. Ich halte das für Unsinn, denn es wäre nur Symbolpolitik. Bei den zigtausend Autobahnkilometern, die es in Deutschland gibt, ist nur noch auf einem Bruchteil wirklich kein Tempolimit. Das sind also nicht wirklich unsere Kernprobleme.
R. Bütikofer: Das Umweltbundesamt sagt, man könne mit einem Tempolimit, wenn man es intelligent macht, bis zu 30 Prozent Kraftstoff und damit viel CO2 sparen.
K. Diekmann: Ich glaube, dass der Weg in die Einsicht der Bürger immer ein vernünftiger ist. Aber ganz ehrlich: Die Ökosteuer ist nicht der richtige Weg oder überhaupt ein Weg gewesen, um die Einsicht der Bürger zu fördern. Denn – und das wissen wir beide doch auch – die Ökosteuer hatte mit Öko wenig und mit leeren Rentenkassen ganz viel zu tun.
R. Bütikofer: Zweifellos war die Ökosteuer nur durchsetzbar, weil es ein politisches Bündnis gab zwischen den Grünen und den Ökologen auf der einen Seite und den Sozialdemokraten auf der anderen Seite. Und das hatte was mit den Rentenkassen zu tun. Da gebe ich Ihnen Recht. Aber wenn wir die Ökosteuer weiterentwickeln würden und zum Beispiel sagen, jeder zahlt pro CO2-Ausstoß, aber wir nehmen das Geld nicht für die Rente und nicht für irgendein Sozialsystem und nicht für den Staatshaushalt, sondern verteilen das pro Kopf der Bevölkerung zurück, so dass der, der sich ökologisch verhält, sogar einen Vorteil daran hat - wäre das ein Thema für Sie?
K. Diekmann: Alles, was der Wirtschaft nutzt und der Umwelt hilft, ist ein richtiger Weg. Anreize zu schaffen, auch wirtschaftliche Anreize zu schaffen, ist auf alle Fälle richtig.
R. Bütikofer: Glauben Sie, dass sich gegenwärtig so was entwickelt wie eine Art Bürgerbewegung für Klimaschutz?
K. Diekmann: Ja, wobei es über den Klimaschutz hinaus geht. Wir müssen aufpassen: Klimaschutz ist vernünftig. Klimaschutz ist ein Teil des Umweltschutzes. Aber wir dürfen nicht in eine Klimahysterie verfallen. Wir müssen darauf achten, dass wir aus den Themen Umwelt und Klima keine Pseudoreligion machen. Denn da sind wir Deutschen ja auch immer groß, indem wir der Meinung sind, wir müssten alles besser machen als alle anderen.
R. Bütikofer: Ich bin weder für Religion noch für Pseudoreligion, sondern für das Praktische. Wenn ich recht erinnere, haben Sie in der Vereinbarung mit den drei Umweltverbänden abgesprochen, dass Sie sich zum Ziel setzen, innerhalb eines Jahres 3,5 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß zu vermeiden...
K. Diekmann: Ja.
R. Bütikofer: Nun, wenn ein einziges Braunkohlekraftwerk nicht gebaut wird, vermeiden wir fünf Millionen Tonnen CO2. Das wäre doch eigentlich für BILD ein Superthema, um dagegen mobil zu machen.
K. Diekmann: Ja. Ich bin gegen den Bau von neuen Kohlekraftwerken und Braunkohlekraftwerken. Aber es ist einfach eine Milchmädchenrechnung, dort ehrgeizige CO2-Ziele erreichen zu wollen und gleichzeitig zu sagen: Die Kernkraftwerke schalten wir alle ab. Ich glaube, dass wir auch dort umdenken müssen.
R. Bütikofer: Ich glaube, da sind wir als Grüne der BILD doch ein bisschen voraus. Aber wir werden mal sehen, wo Sie in drei Jahren stehen.
K. Diekmann: Wir haben die gleichen hehren Ziele und sind nicht immer einer Ansicht, auf welchem Weg wir dorthin kommen. Auch das Thema “Atomkraft, nein, danke!” darf für die Grünen eigentlich keine Religion sein. Auch da sollten Sie mal drüber nachdenken.
R. Bütikofer: Also ich bin überzeugt, diese Debatte wird wohl noch eine Weile dauern und die Atombefürworter werden noch viele Gelegenheiten haben, mit uns als scharfe Kritiker der Atomenergie, argumentativ die Klingen zu kreuzen. Vielleicht ja auch in der BILD-Zeitung. Einstweilen, Herr Diekmann, bedanke ich mich für das Gespräch.
K. Diekmann: Ich bedanke mich, Herr Bütikofer.
Weitere Informationen:
» Ein weiterer Artikel zum Thema auf gruenes-klima.de
Foto K. Diekmann: Daniel Biskup für BILD